Mary Cinque – St. Moritz, A Winter’s Tale

Die ausgestellten Werke von Mary Cinque in der Galerie Palü rufen grosse Begeisterung hervor. Ihre künstlerischen Visionen funkeln an den Wänden und wirken mit ihrer Grosszügigkeit und ihrer Stimmung sehr lebendig. Die Zeichnungen wollen den Betrachter überall hinführen – in den Schnee, auf die Alpen, in den Nachthimmel, wo in der gefrorenen Stille alles glitzert, in die vertrauliche Atmosphäre von Gesprächen, während sich das Auge in die Welt ihrer Ölkreidezeichnungen verliert. Jedes schwindelerregende Abenteuer beginnt mit einer elementaren Form. Ein Punkt ist ein Anfang. Es kann ein Mund oder ein Auge oder eine geräuschlose Schneeflocke sein. Zwei weitere davon und schon wird eine ganze Landschaft angedeutet. Der Punkt verwandelt sich in eine Linie, die zu einem Vorhang, einem Körper, einem Innenhof für intime Gespräche oder zur ruhigen Oberfläche des Sees wird.

 

Mary Cinque wurde in Italien geboren und hat ihre Kindheit unter anderem in Äthiopien verbracht. Ihr Blick und ihre künstlerischen Fähigkeiten sind tief in der Amalfiküste und in Mailand verwurzelt. Ihre ausgedehnten Reisen durch die Vereinigten Staaten und Europa haben ihre künstlerische Vision bestimmt. Die Sichtweise, die sie in ihren Zeichnungen zum Ausdruck bringt, stammt von ihrem Grossvater, der als Fotograf tätig war. Sie ist überzeugt, dass Fotografien ein Mittel sind, um Gefühle auszudrücken, und eine Möglichkeit, um eine alltägliche, aber auch verborgene Ästhetik zu zelebrieren. Mary Cinque ist in einer kunstinteressierten Familie aufgewachsen und scheint von ihr die besten Eigenschaften übernommen zu haben. Gleichzeitig entwickelt sie ihr Schaffen in einer Welt voller Farben und Bilder.

 

Die in der Galerie Palü ausgestellten Kunstwerke sind das Ergebnis der Zeit, welche die Künstlerin in St. Moritz und im Engadin verbrachte. Dort liess sie sich von den Farben der verschneiten Bergwelt und des blauen Himmels inspirieren. Einige der Skizzen und Zeichnungen, die sie für diese Ausstellung erarbeitete, zeigen die Menschen, die während dem prestigeträchtigen „Snow Polo World Cup St. Moritz“ im Engadin zu Gast waren. Mary Cinque war fasziniert vom schillernden Publikum und von der prickelnden Atmosphäre auf dem gefrorenen St. Moritzersee.

 

Ihre Werke zeigen leuchtend farbige Wälder, hellblau angedeuteten Gebäuden, den strahlenden Himmel und zahlreichen Menschen, die ruhen oder in Bewegung sind. Wie bei den früheren Arbeiten der Künstlerin wurde Farbe nur eingesetzt, um Gefühle auszudrücken und formalen Anforderungen zu entsprechen, jedoch nicht um die reale Natur abzubilden.

 

Zusammen mit den Kunstwerken von Mary Cinque sind in der Galerie Palü Arbeiten von Lukas R. Vogel ausgestellt, einem der bedeutendsten und seiner Zeit produktivsten zeitgenössischen Maler der Schweiz. Vogel war der Gründer der Galerie Palü in Pontresina und widmete sich in erster Linie den grandiosen Landschaften des Engadins. Die ausgestellten Arbeiten der beiden Künstler werden in einem generationsübergreifenden Dialog präsentiert. Sie respektieren gegenseitig ihre jeweilige künstlerische Vision und verstärken einmal mehr die nicht greifbare Synergie zwischen Mensch und Natur.

 

Beim Betrachten jener Werke, welche die Künstlerin im Hotel Carlton in St. Moritz malte, wird einem schnell klar, dass das elegante Haus anscheinend der perfekte Ort ist, um ihre Fantasie zu wecken. 

 

Das Hotel Carlton blickt auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurück. 1913 wurde es zum ersten Mal eröffnet. Der Legende nach wurde das Anwesen ursprünglich als Sommerresidenz für den Zaren Nikolaus II. geplant, den Enkel des Zaren Alexander II. Erst in jüngster Zeit fand das Carlton schliesslich einen neuen Eigentümer, der wie die Hotelpioniere von einst, den Mut und die Ausdauer hatte, das Haus wieder in die Riege der Top-Hotels zu führen.

 

In einigen ihrer Zeichnungen hat Mary Cinque Balkone mit fantastischer Aussicht auf das sonnendurchflutete Engadin und Gäste dargestellt – Bilder voller Luxus, Ruhe und Sinnlichkeit. Sie führt uns in die Darstellung einer neuen Dimension; das Hotel Carlton auf dem sonnenverwöhnten Plateau über dem St. Moritzersee beherbergt einige interessante Persönlichkeiten, von denen die Künstlerin fasziniert ist. Dazu gehören beispielsweise die beiden Polospieler, die an einem Fenster sitzen, um sich auszuruhen, und dabei einen Drink geniessen. In den beiden Darstellungen befasst sich Mary Cinque mit der Körpersprache der beiden Männer, die vor schweren Vorhängen sitzen. Sie hat deren Abbildung absichtlich abgeflacht und ermöglicht uns die Aussicht durchs Fenster. Dies verleiht der Darstellung eine gewisse Tiefe durch die Luftperspektive, die durch die Berglandschaft und den orangefarbenen Himmel verstärkt wird.

 

Was die Künstlerin am meisten interessiert, ist weder das Stilleben noch die Landschaft. Es geht ihr vielmehr um die menschliche Gestalt. Dies ermöglicht es ihr, das fast schon religiöse Gefühl, das sie für das Leben zu empfinden scheint, am besten zum Ausdruck zu bringen. Im 1905 erbauten Kulm Hotel, das eine Synthese aus Jugendstil und Schweizer Stil bildet, befasst sie sich mit dem Leben einer jungen Dame, während im Hintergrund die aus Holz gefertigte Chesa Futura von Lord Norman Foster zu sehen ist. Weitere legendäre Orte, die Mary Cinque aufgesucht hat, sind die Sunny Bar und das Badrutt’s Palace Hotel. Die Frauengestalten sind farbenfroh, entspannt und gelassen, wie beispielsweise die Frau, die liest, während draussen ein unglaublicher Sturm wütet.

 

Die Ölkreidezeichnung – eine Technik, die Mary Cinque erst seit kurzem vollumfänglich anwendet – scheint den Prunk einiger Innenausstattungen, die schicke Bekleidung der Hotelgäste und die Pracht der Vorhänge perfekt zu kombinieren. Die Arbeiten von Mary Cinque lösen visuelle Empfindungen aus, welche die Ruhe von Oberfläche und Form aufbrechen. Die Objekte unterscheiden sich nur durch den Grad ihrer Leuchtkraft. Alles wird auf die gleiche Weise bearbeitet. Es besteht eine Art von haptischer Anregung, vergleichbar mit dem Vibrato einer Stimme, eine ausdrucksvollere, direktere Harmonie – eine Harmonie, deren Einfachheit und Aufrichtigkeit es der Künstlerin ermöglichen, ruhigere Oberflächen zu erreichen. In ihren Kreationen strebt sie durch eine Harmonie zwischen den nicht ebenen Farbflächen die Qualität der Zeichnung an. Durch ihr gesamtes Schaffen zieht sich ein Traum von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, frei von störenden oder beunruhigenden Themen, die für jeden wie Balsam für die Seele ist, mit beruhigender Wirkung auf den Geist, vergleichbar mit einem bequemen Sessel, in dem man sich von körperlicher Erschöpfung erholen kann. Mit der Zeit, die Mary Cinque in dieser Region verbrachte, sind die folgenden Gedanken und Vorstellungen verbunden: Konstruktion durch farbige Oberflächen, Experimentieren mit der Intensität von Farben, wobei das Thema von Bedeutung ist, und Reaktion auf die Diffusion von Farbtönen ins Licht. Das Licht wird nicht entfernt, sondern durch die Harmonie von farbenfrohen Oberflächen zum Ausdruck gebracht.